Possessiv bei Verwandten: mia madre ohne Artikel
Die einzige Stelle, an der das italienische Possessivpronomen den Artikel verliert — und die vier Fälle, in denen es ihn behält.
≈ 13 Minuten Lesezeit
Danach kannst du
- Die Grundregel Artikel plus Possessiv sicher anwenden
- Die Ausnahme bei Verwandtschaftsbezeichnungen im Singular kennen
- Die vier Fälle erkennen, in denen der Artikel zurückkehrt
- Loro und die Koseformen richtig behandeln
Das italienische Possessivpronomen kommt fast immer mit Artikel: il mio libro, la tua macchina, i nostri amici. Das allein ist für Deutschsprachige schon ungewohnt, weil wir „mein Buch” ohne Artikel sagen. Und dann gibt es genau eine Ausnahme — die Verwandten. Sie ist eng gefasst, hat vier Rückausnahmen, und an ihr erkennt man ziemlich zuverlässig, wie weit jemand mit dem Italienischen ist.
Die Grundregel
Bestimmter Artikel plus Possessiv plus Nomen. Beide richten sich nach dem Besitz, nicht nach dem Besitzer:
- il mio telefono, la mia borsa, i miei documenti, le mie scarpe
- Hai visto il mio ombrello?
- Le tue chiavi sono sul tavolo.
- Marco ha perso il suo passaporto.
Bei suo lohnt eine Randbemerkung: Es heißt sein und ihr, und es richtet sich nach dem besessenen Gegenstand. La sua macchina kann Marcos oder Annas Auto sein. Wer im Deutschen zwischen „sein” und „ihr” unterscheidet, sucht im Italienischen vergeblich nach dieser Information.
Die Ausnahme: Verwandte im Singular
Vor einem Verwandtschaftswort im Singular fällt der Artikel weg:
- mia madre, mio padre
- tuo fratello, tua sorella
- suo figlio, sua figlia
- nostro zio, vostra zia
- mio marito, mia moglie
- mio nonno, mia nonna
- mio cugino, mia cugina, mio nipote, mio suocero, mia cognata
- Mia sorella abita a Bologna.
- Domani viene mio fratello.
- Ho parlato con tuo padre.
Die vier Fälle, in denen der Artikel zurückkehrt
1. Im Plural
Die Ausnahme gilt nur für ein einzelnes Familienmitglied:
- le mie sorelle, i miei fratelli, i tuoi genitori, i suoi figli
Deshalb ist i miei allein auch die übliche Kurzform für die eigenen Eltern: Vado a pranzo dai miei.
2. Bei loro
Loro macht die Ausnahme nicht mit und behält den Artikel immer:
- il loro fratello, la loro madre, i loro cugini
Loro ist außerdem unveränderlich — nur der Artikel davor bewegt sich.
3. Wenn ein Adjektiv oder eine Ergänzung dazukommt
- la mia sorella maggiore — meine ältere Schwester
- il mio caro zio
- il tuo fratello che vive a Napoli
Sobald das Verwandtschaftswort näher bestimmt wird, ist es kein bloßer Familienbegriff mehr, sondern ein Nomen wie jedes andere — also mit Artikel.
4. Bei Koseformen und Verkleinerungen
- la mia mamma, il mio papà, il mio babbo
- il mio fratellino, la mia sorellina, il mio nonnino
Der Grund ist derselbe: mamma und fratellino sind gefühlsbetonte Wörter, keine sachlichen Verwandtschaftsangaben. In Norditalien hört man allerdings auch mia mamma ohne Artikel — das ist regional und wird nicht als Fehler geahndet.
Der Fehler in beide Richtungen
Deutschsprachige machen ihn zweimal. Erst lassen sie den Artikel überall weg, weil das dem Deutschen entspricht: mio libro statt il mio libro. Dann, nachdem die Regel sitzt, setzen sie ihn überall hin — auch dort, wo er nicht hingehört: la mia madre. Beides fällt sofort auf.
Ein Merksatz hilft: Der Artikel ist Standard, und nur ein einzelner, schlichter Verwandter darf ihn ablegen. Sobald etwas dazukommt — Mehrzahl, Adjektiv, Koseform, loro — ist der Artikel wieder da.
Wenn das Possessiv nachgestellt wird
Im Italienischen kann das Possessiv hinter das Nomen rücken. Dann bekommt es Nachdruck oder klingt formelhaft:
- un mio amico — ein Freund von mir. Hier steht der unbestimmte Artikel; im Deutschen braucht es die Umschreibung mit „von”.
- Casa mia è vicina. — feste Wendung ohne Artikel.
- È colpa mia. — Es ist meine Schuld.
- Dio mio!, amore mio, a parer mio
Die Form un mio amico ist im Alltag sehr häufig und für Deutschsprachige ungewohnt, weil wir kein Muster dafür haben. Sie funktioniert mit allen Possessiven: un tuo collega, due miei studenti.
Wenn der Besitzer klar ist
Bei Körperteilen und Kleidungsstücken lässt das Italienische das Possessiv meist ganz weg und benutzt den bestimmten Artikel:
- Mi lavo le mani. — Ich wasche mir die Hände, nicht le mie mani.
- Mi fa male la testa.
- Si è messo il cappotto.
Das reflexive Pronomen sagt bereits, wem die Hände gehören. Ein zusätzliches mie wirkt umständlich.
Kleine Probe
- Meine Mutter kommt morgen. · Meine ältere Schwester wohnt in Rom. · Hast du meinen Schlüssel gesehen? · Der Bruder der beiden arbeitet in Turin.
Die Lösungen: Mia madre viene domani. — La mia sorella maggiore abita a Roma. — Hai visto la mia chiave? — Il loro fratello lavora a Torino.
Was du mitnehmen solltest
Artikel plus Possessiv ist die Regel. Nur ein einzelner, unbegleiteter Verwandter verzichtet darauf: mia madre, tuo fratello. Kommt Plural, Adjektiv, Koseform oder loro ins Spiel, steht der Artikel wieder da. Und bei Körperteilen lässt man das Possessiv am besten ganz weg.
Häufige Fragen
Warum steht vor dem Possessivpronomen ein Artikel?
Weil das Italienische es so verlangt: il mio libro, la tua casa, i nostri amici. Deutschsprachige lassen ihn weg, weil im Deutschen mein Buch ohne Artikel steht. Der Artikel ist im Italienischen die Regel, nicht die Ausnahme.
Wann fällt der Artikel weg?
Nur vor Verwandtschaftsbezeichnungen im Singular: mia madre, tuo fratello, sua zia. Sobald der Plural, ein Adjektiv, eine Verkleinerung oder loro dazukommt, kehrt der Artikel zurück.
Heißt es mia madre oder la mia mamma?
Beides ist richtig, aber unterschiedlich. madre ist die neutrale Bezeichnung und steht ohne Artikel. mamma gilt als Koseform und bekommt ihn: la mia mamma. Dasselbe gilt für papà und babbo.
Warum heißt es il loro fratello?
Weil loro von der Regel ausgenommen ist. Es behält den Artikel immer, auch bei Verwandten im Singular. loro ist zudem unveränderlich: il loro fratello, la loro sorella, i loro figli.
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