Ein Wort, sieben Funktionen: polyvalentes che im Italienischen
Ein einziges Wörtchen trägt im Italienischen Relativsatz, Zeitangabe, Grund, Folge und Ausruf — und das Deutsche braucht dafür sieben verschiedene.
≈ 14 Minuten Lesezeit
Danach kannst du
- Die sieben Hauptfunktionen von che auseinanderhalten
- Das umgangssprachliche che indeclinato erkennen und einordnen
- Zwischen che als Relativpronomen und als Konjunktion sicher unterscheiden
- Wissen, wann che im geschriebenen Text durch eine präzisere Form ersetzt gehört
Che ist das arbeitsamste Wort der italienischen Sprache. Es ist Relativpronomen und Konjunktion, es leitet Zeitangaben ein, Gründe, Folgen, Vergleiche und Ausrufe. Die Sprachwissenschaft nennt es deshalb che polivalente. Für Deutschsprachige ist das nicht deshalb schwierig, weil die einzelnen Funktionen kompliziert wären — sondern weil das Deutsche für jede davon ein anderes Wort verlangt und man beim Lesen jedes Mal neu entscheiden muss, welches.
1. Das Relativpronomen
Als Relativpronomen deckt che Subjekt und direktes Objekt ab — und zwar unabhängig von Genus und Numerus. Wo das Deutsche zwischen „der”, „die”, „das”, „den” und „dem” wählt, steht immer che.
- Il collega che mi ha aiutato si è trasferito.
- Le carte che hai firmato sono sulla scrivania.
Sobald eine Präposition ins Spiel kommt, endet die Zuständigkeit: dann stehen cui oder il quale. La collega con cui lavoro, nicht con che.
2. Die Konjunktion des Objektsatzes
Hier entspricht che dem deutschen „dass” — und hier entscheidet sich auch der Modus.
- So che ha ragione. — Tatsache, Indikativ.
- Temo che abbia ragione. — Bewertung, Congiuntivo.
Anders als das deutsche „dass” darf che nicht weggelassen werden. Das deutsche „Ich glaube, er kommt später” hat kein italienisches Gegenstück ohne che; nur in sehr gehobener Schriftsprache fällt es gelegentlich fort.
3. Die Zeitangabe
Nach Zeitausdrücken übernimmt che die Rolle von „als”, „seit” oder „nachdem”:
- Sono due anni che non ci vediamo. — Wir haben uns seit zwei Jahren nicht gesehen.
- Era appena uscito che ha cominciato a piovere. — Kaum war er draußen, fing es an zu regnen.
- Ogni volta che lo incontro mi racconta la stessa storia.
Die erste Konstruktion ist besonders tückisch, weil das Deutsche die Zeitspanne mit einer Präposition ausdrückt und das Italienische mit einem ganzen Satz: wörtlich „es sind zwei Jahre, dass wir uns nicht sehen”.
4. Grund und 5. Folge
Kausal steht che nur umgangssprachlich, dort aber sehr häufig — es vertritt schlicht perché:
- Copriti, che fa freddo. — Zieh dich an, es ist nämlich kalt.
- Sbrigati, che perdiamo il treno.
Konsekutiv gehört che dagegen zur Norm, meist im Gespann mit così, tanto oder talmente:
- Era talmente stanco che si è addormentato sul divano.
- Ha parlato così a lungo che nessuno lo ascoltava più.
6. Der Vergleich, 7. der Ausruf
Beim Vergleich zweier Eigenschaften oder zweier Verben steht che, nicht di: È più furbo che intelligente. Er ist eher schlau als klug. Ebenso: Preferisco camminare che stare fermo.
Und im Ausruf ersetzt che das deutsche „was für ein” mitsamt Artikel: Che confusione! Che bella giornata! Ein Artikel steht hier nie — che una bella giornata gibt es nicht.
Wo che gerade nicht steht
Ebenso lehrreich ist die Gegenprobe. Vier Stellen, an denen Deutschsprachige regelmäßig ein che setzen, das dort nicht hingehört:
- Nach Präpositionen: il motivo per cui, nicht per che.
- Beim Vergleich mit einer Zahl oder einem Substantiv: più di venti persone, più alto di me — hier steht di.
- Wo das Bezugswort fehlt: Non so quello che vuole oder ciò che vuole, nie non so che vuole im geschriebenen Text.
- Bei Zeitangaben mit Wochentag oder Datum: il giorno in cui è arrivato ist die Schriftform.
Und ein Detail, das viele übersehen: In der Frage heißt es che cosa, cosa oder che — alle drei sind korrekt, das nackte che ist aber die schriftsprachlich zurückhaltendste Variante und im Norden Italiens seltener als cosa.
Das che indeclinato — die Grauzone
Im gesprochenen Italienisch übernimmt che zusätzlich Rollen, für die die Norm cui oder in cui verlangt. Man hört il paese che sono nato, la sera che ci siamo conosciuti, il tizio che gli ho prestato la macchina. Der Bezug wird dabei entweder gar nicht oder durch ein zusätzliches Pronomen markiert.
Das ist keine Nachlässigkeit einzelner Sprecher, sondern eine seit Jahrhunderten belegte Struktur, die in allen Regionen vorkommt. Für Lernende folgt daraus zweierlei: Erkennen Sie die Formen, sonst verlieren Sie beim Zuhören den Faden. Und benutzen Sie sie nicht in Prüfungen, Bewerbungen oder Texten — dort gilt weiterhin il paese in cui sono nato.
Kleine Probe
- Wir kennen uns seit drei Jahren. · Er war so müde, dass er eingeschlafen ist. · Beeil dich, wir verpassen sonst den Zug. · Was für ein schöner Tag!
Die Lösungen: Sono tre anni che ci conosciamo. — Era così stanco che si è addormentato. — Sbrigati, che perdiamo il treno. — Che bella giornata!
Was du mitnehmen solltest
Ein Wort, sieben Aufgaben: Relativpronomen für Subjekt und Objekt, Konjunktion des Objektsatzes, Zeitanschluss, umgangssprachlicher Grund, Folge nach così und talmente, Vergleich zweier Eigenschaften, Ausruf. Beim Lesen entscheidet der Zusammenhang, welche Funktion vorliegt — die Form gibt keinen Hinweis. Beim Schreiben gilt die Gegenrichtung: Wo eine Präposition nötig wäre, greifen Sie zu cui und lassen das bequeme che stehen, wo es hingehört.
Häufige Fragen
Was heißt polyvalentes che?
Der Ausdruck bezeichnet die Eigenschaft von <span lang="it">che</span>, sehr unterschiedliche syntaktische Rollen zu übernehmen: Relativpronomen, Konjunktion, Zeit-, Grund- und Folgeanschluss, Vergleichspartikel und Ausrufwort. Im gesprochenen Italienisch dehnt sich der Gebrauch weiter aus als in der Schriftsprache.
Ist das che in „la casa che ci abito" falsch?
Nach der Schulnorm ja, es müsste <span lang="it">in cui</span> heißen. Gesprochen ist die Form aber verbreitet und wird von der Sprachwissenschaft als <span lang="it">che polivalente</span> beschrieben, nicht als Fehler. In Prüfungen und geschriebenen Texten sollten Sie die Form dennoch vermeiden.
Wann steht nach che der Congiuntivo?
Wenn <span lang="it">che</span> einen Objektsatz nach einem Verb des Meinens, Wollens oder Fühlens einleitet. Als Relativpronomen zieht <span lang="it">che</span> dagegen den Indikativ nach sich — außer nach Superlativ und nach Ausdrücken der Suche oder Verneinung.
Worin liegt die Schwierigkeit für Deutschsprachige?
Das Deutsche verteilt dieselben Funktionen auf „der/die/das", „dass", „als", „weil", „so dass" und „was für ein". Wer vom Deutschen her denkt, sucht für jede Funktion ein eigenes Wort — und stolpert, weil Italienisch mit einem auskommt. Umgekehrt gerät man beim Übersetzen ins Deutsche ins Raten.
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