tu, Lei oder voi: die richtige Anrede auf Italienisch
Warum die höfliche Anrede weiblich ist, auch wenn ein Mann gemeint ist — und wann man zum Du übergehen darf.
≈ 12 Minuten Lesezeit
Danach kannst du
- tu und Lei situationsgerecht wählen
- Die Lei-Form mit der dritten Person Singular bilden
- Possessivpronomen und Objektpronomen in der Lei-Form anpassen
- Den Übergang vom Sie zum Du sprachlich vollziehen
Wer aus dem Deutschen kommt, hat mit der italienischen Anrede zunächst leichtes Spiel: Es gibt ein Du und ein Sie, wie gewohnt. Und dann kippt die Sache — denn das italienische Sie ist grammatisch weiblich und steht in der Einzahl. Genau daran erkennt man Anfänger.
tu: das Du
tu gilt unter Freunden, in der Familie, unter Gleichaltrigen, unter Studierenden, unter Kollegen derselben Ebene und gegenüber Kindern. Das ist so weit vertraut.
Eine Anmerkung dazu: Italien duzt schneller als Deutschland. Unter jungen Leuten ist tu selbstverständlich, auch beim ersten Zusammentreffen. Im Sportverein, im Sprachkurs, in einer Bar mit Stammpublikum wird man selten gesiezt. Wer aus Vorsicht dauerhaft beim Lei bleibt, wirkt schnell distanziert.
Lei: das Sie
Die höfliche Anrede lautet Lei und steht bei Fremden, im Geschäft, im Amt, im Beruf gegenüber Vorgesetzten und Kunden und generell gegenüber Älteren.
Nun das Entscheidende: Lei verlangt die dritte Person Singular — dieselbe Form wie bei lui oder lei.
- Come sta? — Wie geht es Ihnen? (wörtlich: wie geht es ihr)
- Scusi, sa dov’è la stazione? — Entschuldigung, wissen Sie, wo der Bahnhof ist?
- Che cosa desidera? — Was möchten Sie?
- Ha già ordinato? — Haben Sie schon bestellt?
Der Fehler, den alle Deutschsprachigen machen
Unser höfliches „Sie“ ist die dritte Person Plural: „Wie geht es Ihnen?“, „Haben Sie …?“. Diese Gewohnheit trägt man ins Italienische und sagt:
- ✗ Come state? zu einer einzelnen Person
- ✓ Come sta?
Das ist kein kleiner Schnitzer: Come state? heißt „Wie geht es euch?“ und wirkt, als hätte man sich verzählt. Der Trick ist, sich das Lei als eine unsichtbare dritte Person vorzustellen, die man über den Gesprächspartner hinweg anspricht — genau so ist es historisch entstanden.
Warum weiblich?
Die Form geht auf höfische Titel zurück: la Signoria Vostra, Vostra Eccellenza — Euer Gnaden, Euer Exzellenz. Diese Titel sind grammatisch weiblich. Man sprach nicht die Person an, sondern ihren Rang, und der Rang war eine signoria. Übrig geblieben ist das Lei, weiblich, egal wen man vor sich hat.
Praktisch heißt das: Auch zu einem Mann sagt man Lei è molto gentile. Bei Adjektiven, die zum Verb essere gehören, richtet man sich allerdings nach der wirklichen Person: Signor Rossi, è stanco? — nicht stanca. Die Grammatik ist weiblich, der Mensch bleibt es nicht.
Pronomen und Possessive in der Lei-Form
Alles, was zum Gesprächspartner gehört, wandert in die dritte Person Singular:
- Dativ: Le — Le posso offrire un caffè? — Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?
- Akkusativ: La — La chiamo domani. — Ich rufe Sie morgen an.
- Nach Präposition: Lei — Questo è per Lei. — Das ist für Sie.
- Possessiv: Suo / Sua — Ecco la Sua chiave. — Hier ist Ihr Schlüssel.
- Reflexiv: si — Si accomodi. — Nehmen Sie Platz.
Die Großschreibung von Lei, La, Le, Suo ist in Briefen und geschäftlichen Texten üblich, im Alltag und in Nachrichten aber optional. Kleingeschrieben ist es nicht falsch.
voi: Mehrzahl und regionale Höflichkeit
Im Standarditalienisch ist voi schlicht die Mehrzahl von tu: Ragazzi, venite? Für mehrere Personen, die man einzeln siezen würde, nimmt man ebenfalls voi — die theoretisch mögliche Form Loro gilt heute als überaus förmlich und begegnet einem höchstens in gehobenen Restaurants.
In Süditalien lebt allerdings eine ältere Verwendung weiter: Dort ist voi die respektvolle Anrede an eine einzelne Person, besonders gegenüber Älteren. Signora, come state? ist in Neapel höflich, nicht falsch. Wissen sollte man es, nachahmen muss man es nicht.
Der Übergang zum Du
Wie im Deutschen schlägt die ältere oder ranghöhere Person das Duzen vor:
- Possiamo darci del tu? — Können wir uns duzen?
- Dammi pure del tu. — Sag ruhig du zu mir.
- Diamoci del tu, per favore.
Das Verb dafür ist dare del tu beziehungsweise dare del Lei — jemandem das Du oder das Sie geben. Mi ha dato del Lei tutto il tempo. — Er hat mich die ganze Zeit gesiezt.
Titel und Anreden
- Signore / Signora — vor einem Namen verkürzt: Signor Rossi, Signora Bianchi
- Dottore / Dottoressa — für alle mit Hochschulabschluss, nicht nur Ärzte
- Professore, Ingegnere, Avvocato — Titel werden in Italien häufiger benutzt als in Deutschland
Auch hier verkürzt sich die männliche Form vor dem Namen: Dottor Rossi, Ingegner Bianchi.
Kleine Probe
- Wie geht es Ihnen, Herr Rossi? · Entschuldigung, wissen Sie, wo die Post ist? · Ich rufe Sie morgen an. · Können wir uns duzen?
Die Lösungen: Come sta, signor Rossi? — Scusi, sa dov’è la posta? — La chiamo domani. — Possiamo darci del tu?
Was du mitnehmen solltest
Das italienische Sie ist Lei und verlangt die dritte Person Singular — das ist der eine Punkt, der Deutschsprachige verrät, weil unser Sie im Plural steht. Alle zugehörigen Pronomen wandern mit: Le, La, Suo, si. voi ist im Standard die Mehrzahl, im Süden auch eine höfliche Einzahl. Und wenn du unsicher bist: Fang mit Lei an und warte, bis dir jemand das Du anbietet.
Häufige Fragen
Warum ist die höfliche Anrede weiblich?
Weil Lei auf ein weggelassenes weibliches Substantiv zurückgeht, etwa la Signoria Vostra, also Euer Gnaden. Aus diesem Titel wurde die dritte Person Singular weiblich, unabhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau angesprochen wird.
Welche Verbform gehört zu Lei?
Die dritte Person Singular, dieselbe wie bei lui oder lei. Come sta, Signor Rossi bedeutet wörtlich wie geht es ihr. Deutschsprachige nehmen häufig die Pluralform, weil das deutsche Sie mit der dritten Person Plural gebildet wird.
Wird voi noch als Höflichkeitsform verwendet?
Im Süden Italiens und bei älteren Menschen ja, dort ist voi eine respektvolle Anrede an eine einzelne Person. Im Standarditalienisch ist voi nur die Mehrzahl von tu.
Wie geht man zum Du über?
Man fragt Possiamo darci del tu, also können wir uns duzen. Die ältere oder ranghöhere Person schlägt es vor. Ein knappes Dammi del tu ist die freundliche Einladung dazu.
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