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Imperfetto: die zweite Vergangenheit im Italienischen

Die Zeitform für Zustände, Gewohnheiten und Beschreibungen. Bildung, die vier unregelmäßigen Verben und wann das Imperfetto statt des Passato prossimo steht.

10 Minuten Lesezeit

Danach kannst du

  • Das Imperfetto regelmäßig bilden
  • Die vier unregelmäßigen Verben kennen
  • Zustände, Gewohnheiten und Beschreibungen erkennen
  • Das Imperfetto für Höflichkeit einsetzen

Das Italienische hat zwei Vergangenheitsformen für den Alltag, und der Unterschied zwischen ihnen gibt es im Deutschen nicht. Das Passato prossimo erzählt, was passiert ist. Das Imperfetto beschreibt, wie es war. Beide werden im Deutschen mit dem Perfekt übersetzt — deshalb muss man diese Unterscheidung neu denken statt übertragen.

Die Bildung: eine Endung für alle

Das Imperfetto ist die regelmäßigste Zeitform des Italienischen. Man streicht das -re des Infinitivs und hängt an:

-vo, -vi, -va, -vamo, -vate, -vano

  • parlare → parlavo, parlavi, parlava, parlavamo, parlavate, parlavano
  • prendere → prendevo, prendevi, prendeva, prendevamo, prendevate, prendevano
  • dormire → dormivo, dormivi, dormiva, dormivamo, dormivate, dormivano

Der Vokal vor dem v bleibt der des Infinitivs: a bei -are, e bei -ere, i bei -ire. Mehr ist es nicht. Auch die -isc-Verben verhalten sich hier normal: capivo, nicht „capiscevo”.

Achte auf die Betonung der loro-Form: parLAvano — auf der drittletzten Silbe, wie beim Präsens.

Die vier Unregelmäßigen

Nur vier Verben weichen ab, und bei dreien kommt der lateinische Stamm durch:

  • essereero, eri, era, eravamo, eravate, erano
  • farefacevo (von facere)
  • diredicevo (von dicere)
  • berebevevo (von bevere)

Wer diese vier kennt, kann das Imperfetto vollständig. Es gibt keine weiteren Ausnahmen — ein seltener Fall im Italienischen.

Wofür man es benutzt

Vier Verwendungen decken praktisch alles ab.

1. Zustände und Beschreibungen

Wie etwas war, nicht was passierte:

  • Era una bella giornata. — Es war ein schöner Tag.
  • La casa era grande e vecchia. — Das Haus war groß und alt.
  • Avevo fame. — Ich hatte Hunger.

Dazu gehören auch Alter, Uhrzeit und Wetter: Avevo dieci anni, Erano le tre, Pioveva.

2. Gewohnheiten in der Vergangenheit

Was man früher regelmäßig tat — im Deutschen oft mit „immer” oder „früher”:

  • Da bambino giocavo a calcio. — Als Kind spielte ich Fußball.
  • Ogni estate andavamo al mare. — Jeden Sommer fuhren wir ans Meer.

Signalwörter dafür: sempre, di solito (normalerweise), ogni giorno, spesso (oft), da bambino.

3. Zwei Handlungen gleichzeitig

  • Mentre mangiavo, guardavo la TV. — Während ich aß, sah ich fern.

Mentre (während) verlangt praktisch immer das Imperfetto.

4. Der Hintergrund einer Handlung

Hier arbeiten beide Zeiten zusammen — und daran erkennt man den Unterschied am besten:

  • Camminavo per strada quando ho visto Marco.
    Ich ging die Straße entlang, als ich Marco sah.
  • Dormivo quando è suonato il telefono.
    Ich schlief, als das Telefon klingelte.

Das Imperfetto ist die Kulisse, das Passato prossimo das Ereignis. Wer sich das als Bühnenbild und Auftritt vorstellt, trifft die Wahl fast immer richtig.

Die Probe, die weiterhilft

Bei Unsicherheit hilft eine Frage: Hat die Handlung einen erkennbaren Anfang und ein Ende?

Ieri ho letto un libro — gestern habe ich ein Buch gelesen. Abgeschlossen, Passato prossimo.
Da giovane leggevo molto — als junger Mensch las ich viel. Kein Anfang, kein Ende, Imperfetto.

Eine zweite Probe für Deutschsprachige: Ließe sich der Satz im Deutschen mit „pflegte zu” oder „war gerade dabei” umschreiben? Dann Imperfetto.

Wenn die Wahl die Bedeutung ändert

Bei einigen Verben entscheidet die Zeitform, was überhaupt gemeint ist:

  • Sapevo la risposta. — Ich wusste die Antwort. (Zustand)
    Ho saputo la risposta. — Ich habe die Antwort erfahren. (Ereignis)
  • Conoscevo Marco. — Ich kannte Marco.
    Ho conosciuto Marco. — Ich habe Marco kennengelernt.
  • Volevo andare. — Ich wollte gehen. (offen, ob es geschah)
    Ho voluto andare. — Ich wollte gehen und tat es auch.

Diese Paare lohnen sich auswendig — sie kommen im Gespräch ständig vor und werden regelmäßig verwechselt.

Das höfliche Imperfetto

Eine Verwendung, die in keinem Grammatikkapitel über Vergangenheit steht, aber täglich vorkommt: Wer eine Bitte in die Vergangenheit setzt, macht sie höflicher.

  • Volevo un caffè. — Ich hätte gern einen Kaffee.
  • Volevo chiederti una cosa. — Ich wollte dich etwas fragen.
  • Cercavo il signor Rossi. — Ich suche Herrn Rossi.

Das entspricht genau dem deutschen „Ich wollte nur mal fragen” — grammatisch Vergangenheit, gemeint ist die Gegenwart. Wer das benutzt, klingt sofort weniger schroff.

Was du dir merken solltest

Die Bildung ist in fünf Minuten gelernt — die Anwendung braucht Übung. Halte dich an die Merkformel: Was war, ist Imperfetto. Was geschah, ist Passato prossimo.

Und lass dich nicht entmutigen, wenn du am Anfang danebenliegst. Diese Unterscheidung ist die einzige echte Hürde des A2-Niveaus, und sie sitzt erst nach ein paar hundert Sätzen. Genau dafür stehen die Übungen und Lesetexte auf Andiamoo: Dort siehst du beide Formen nebeneinander im echten Zusammenhang.

Das Imperfetto beim Erzählen

In jeder Geschichte wechseln sich beide Zeiten ab — und zwar in einem festen Rhythmus. Das Imperfetto liefert die Kulisse, das Passato prossimo bringt die Handlung voran. Ein kurzes Beispiel zeigt, wie natürlich das klingt:

Era una sera d’estate. Faceva caldo e le strade erano piene di gente. Io camminavo verso casa quando all’improvviso ho sentito una voce. Mi sono girato: era Anna.

Es war ein Sommerabend. Es war heiß und die Straßen waren voller Menschen. Ich ging nach Hause, als ich plötzlich eine Stimme hörte. Ich drehte mich um: Es war Anna.

Vier Sätze Imperfetto für die Szene, dann zwei Ereignisse im Passato prossimo, dann wieder ein Zustand. Wer Geschichten so baut, klingt italienisch — auch mit einfachem Wortschatz.

Häufige Fragen

Wie bildet man das Imperfetto?

Man streicht die Endung -re des Infinitivs und hängt an: -vo, -vi, -va, -vamo, -vate, -vano. Aus parlare wird parlavo, aus prendere prendevo, aus dormire dormivo. Das ist die regelmäßigste Zeitform des Italienischen — nur vier Verben weichen ab.

Welche Verben sind im Imperfetto unregelmäßig?

Nur vier: essere (ero, eri, era, eravamo, eravate, erano), fare (facevo), dire (dicevo) und bere (bevevo). Bei den letzten drei kommt der alte lateinische Stamm durch — facere, dicere, bevere.

Wann benutzt man Imperfetto statt Passato prossimo?

Das Imperfetto beschreibt Zustände, Gewohnheiten, Alter, Wetter, Uhrzeit und den Hintergrund einer Handlung. Das Passato prossimo erzählt, was dann passiert ist. Faustregel: Was war, ist Imperfetto — was geschah, ist Passato prossimo.

Warum sagt man Volevo un caffè statt Voglio un caffè?

Das ist das höfliche Imperfetto. Wer eine Bitte in die Vergangenheit setzt, nimmt ihr die Direktheit — ähnlich wie das deutsche Ich wollte nur fragen. Volevo un caffè klingt deutlich freundlicher als Voglio un caffè.

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