Der Imperativ in der Lei-Form: höflicher Imperativ auf Italienisch
Scusi, senta, si accomodi — warum die höfliche Aufforderung eigentlich ein Congiuntivo ist und die Pronomen davor rutschen.
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Danach kannst du
- Die Lei-Form des Imperativs aus dem Congiuntivo ableiten
- Die wichtigsten unregelmäßigen Formen sicher anwenden
- Pronomen im höflichen Imperativ vor das Verb stellen
- Die verneinte Höflichkeitsform bilden
Sie stehen in einer Bar, wollen bestellen und sagen Scusi! Sie werden zum Sitzen aufgefordert und hören Si accomodi. Sie fragen nach dem Weg und bekommen Vada dritto e poi giri a destra. Alle drei Formen gehören zum höflichen Imperativ — und alle drei sind, streng genommen, gar kein Imperativ.
Die Herkunft: ein Congiuntivo in anderer Rolle
Einen echten Imperativ gibt es im Italienischen nur für tu, noi und voi. Für die höfliche Anrede leiht sich die Sprache die dritte Person Singular des Congiuntivo presente. Historisch klingt das nach einem Wunsch: „Möge der Herr Platz nehmen.“ Heute ist es die normale höfliche Aufforderung.
Daraus folgt die Endung, und die ist der erste Stolperstein:
- -are → -i: parlare → parli, scusare → scusi, aspettare → aspetti
- -ere → -a: prendere → prenda, scrivere → scriva
- -ire → -a: sentire → senta, aprire → apra
- -isc-Verben: finire → finisca, preferire → preferisca
Die Vokale sind gegenüber dem Präsens vertauscht. Im Präsens heißt es lui parla und lui prende; hier heißt es parli und prenda. Wer sich das nicht bewusst macht, sagt scusa zu einem Fremden — was das Du ist — oder prendi statt prenda. Beides wird verstanden, beides ist unhöflich.
Die unregelmäßigen Formen
Diese Verben kommen so oft vor, dass man sie schlicht auswendig können muss:
- essere → sia: Sia gentile, mi aiuti.
- avere → abbia: Abbia pazienza. — Haben Sie Geduld.
- andare → vada: Vada sempre dritto.
- venire → venga: Venga pure avanti.
- fare → faccia: Faccia pure. — Nur zu.
- dare → dia: Mi dia un chilo di pane.
- dire → dica: Mi dica. — Was darf es sein?
- stare → stia: Stia tranquillo. — Bleiben Sie ruhig.
- tenere → tenga: Tenga il resto. — Behalten Sie den Rest.
Wer die Congiuntivo-Formen dieser Verben schon kennt, hat hier nichts Neues zu lernen — es sind exakt dieselben.
Die Pronomen wechseln die Seite
Beim Du-Imperativ hängt man Pronomen an das Verb an: dammi, dimmelo, siediti, portalo qui. In der Lei-Form ist es umgekehrt: Die Pronomen stehen vor dem Verb.
- Mi dia il conto, per favore. — Geben Sie mir die Rechnung. (vgl. dammi il conto)
- Si accomodi. — Nehmen Sie Platz. (vgl. siediti)
- Me lo dica. — Sagen Sie es mir. (vgl. dimmelo)
- Non si preoccupi. — Machen Sie sich keine Sorgen.
- Lo metta lì. — Stellen Sie es dorthin.
Das ist der Hauptfehler. Man lernt den Imperativ mit angehängten Pronomen, verinnerlicht das Muster, und überträgt es dann auf die Höflichkeitsform: accomodisi, diami. Solche Formen existieren nicht. Der Grund für die Umkehrung ist wieder die Herkunft — es ist eben ein Congiuntivo, und dort stehen Pronomen immer vorn.
Merksatz: Duzen hängt an, siezen stellt voran.
Die Verneinung
Hier ist die Höflichkeitsform die einfachere. Man setzt schlicht non davor:
- Non si preoccupi.
- Non venga domani, l’ufficio è chiuso.
- Non me lo dica! — Sagen Sie bloß!
Beim Du dagegen verlangt die Verneinung den Infinitiv: non venire, non preoccuparti. Diese Regel gilt nur für tu und wird oft fälschlich auf Lei übertragen.
Die Bausteine für den Alltag
Man kann sich lange mit Endungen beschäftigen — oder ein paar Formen einfach als Wörter lernen, weil sie ohnehin ständig gebraucht werden:
- Scusi — Entschuldigung (jemanden ansprechen oder sich entschuldigen)
- Senta — Hören Sie mal (jemanden ansprechen), oft Senta, scusi…
- Mi dica — Bitte? Was darf es sein? (die Standardantwort im Laden)
- Si accomodi — Nehmen Sie Platz, treten Sie ein
- Prego, faccia pure — Bitte, nur zu
- Guardi — Sehen Sie, also (Gesprächseinleitung)
- Aspetti un attimo — Warten Sie einen Moment
Das Wörtchen pure ist dabei ein Geschenk: Es macht jede Aufforderung freundlicher, ungefähr wie das deutsche „ruhig“. Entri pure. — Kommen Sie ruhig herein.
Wenn es noch weicher sein soll
Auch ein höflicher Imperativ bleibt ein Befehl. Wer noch vorsichtiger auftreten will, nimmt eine Frage mit dem Condizionale:
- Potrebbe aiutarmi? — Könnten Sie mir helfen?
- Le dispiacerebbe chiudere la finestra? — Würde es Ihnen etwas ausmachen, das Fenster zu schließen?
- Mi farebbe un favore?
Im Laden und im Lokal ist der Imperativ dagegen völlig normal und keineswegs schroff: Mi dia due etti di prosciutto, per favore.
Kleine Probe
- Entschuldigen Sie, warten Sie einen Moment. · Nehmen Sie Platz. · Geben Sie mir bitte die Rechnung. · Machen Sie sich keine Sorgen.
Die Lösungen: Scusi, aspetti un attimo. — Si accomodi. — Mi dia il conto, per favore. — Non si preoccupi.
Was du mitnehmen solltest
Die höfliche Aufforderung ist der Congiuntivo in der dritten Person Singular: -are wird zu -i, -ere und -ire werden zu -a. Die Pronomen stehen davor, nicht angehängt — das ist die Umkehrung, die man vom Du-Imperativ mitschleppt und die man sich bewusst abgewöhnen muss. Verneint wird schlicht mit non. Und wenn dir das alles im Moment zu viel ist: Scusi, senta, mi dica und si accomodi decken die Hälfte aller Situationen ab.
Häufige Fragen
Woher kommt die Lei-Form des Imperativs?
Sie ist die dritte Person Singular des Congiuntivo presente. Deshalb endet sie bei Verben auf -are mit i, also parli, und bei Verben auf -ere und -ire mit a, also prenda und senta. Die Vokale sind gegenüber dem Präsens vertauscht.
Wo stehen die Pronomen?
Vor dem Verb, anders als beim Du-Imperativ. Es heißt mi dia, si accomodi, me lo dica. Beim Du hängt man sie an: dammi, siediti, dimmelo. Diese Umkehrung ist die häufigste Fehlerquelle.
Wie verneint man den höflichen Imperativ?
Einfach mit non davor, die Form bleibt gleich: non si preoccupi, non venga domani. Beim Du-Imperativ steht dagegen der Infinitiv, non venire, was hier gerade nicht gilt.
Was bedeutet senta genau?
Wörtlich hören Sie, im Gebrauch aber schlicht Entschuldigung oder hören Sie mal. Es ist der übliche Weg, um jemanden im Lokal oder auf der Straße anzusprechen, oft zusammen als Senta, scusi.
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