Latinismen im Italienischen: die lateinischen Formeln des gehobenen Stils
Von de facto bis ad hoc: welche lateinischen Wendungen in Zeitungen, Verträgen und Diskussionen wirklich vorkommen — und wie man sie betont.
≈ 14 Minuten Lesezeit
Danach kannst du
- Die gebräuchlichsten lateinischen Wendungen im Italienischen verstehen
- Latinismen nach Register einordnen: Amt, Presse, Wissenschaft, Alltag
- Falsch verwendete Latinismen erkennen und vermeiden
- Die italienische Aussprache lateinischer Wörter beherrschen
Italienisch ist die Sprache, die dem Latein am nächsten steht — und die es sich am ungeniertesten weiter ausleiht. In der Zeitung, im Vertrag, im Kommentar einer Talkshow tauchen lateinische Formeln auf, ohne erklärt zu werden. Wer sie nicht kennt, verliert nicht den Satz, aber den Ton.
Zwei Arten von Latinismen
Man muss zwei Dinge auseinanderhalten, die oft in einen Topf geworfen werden.
Erstens gelehrte Einzelwörter, die als italienische Wörter behandelt werden und sich flektieren. Viele bilden ein Paar mit einem volkstümlichen Wort, das dieselbe lateinische Wurzel hat, aber lautlich abgeschliffen wurde:
- vizio (volkstümlich) neben vezzo — beide aus derselben Quelle, verschiedene Bedeutungen
- fiaba neben favola
- piazza neben platea — der Platz und das Parkett im Theater
Die gelehrte Form ist fast immer die längere, die formellere und die technischere. Das ist ein brauchbares Register-Gefühl: Wo zwei ähnliche Wörter zur Wahl stehen, ist das lateinischere das steifere.
Zweitens ganze Wendungen, die als lateinische Fremdkörper im Satz stehen. Sie werden nicht flektiert und bleiben unverändert, egal wie der Satz gebaut ist. Um die geht es im Folgenden.
Was in der Zeitung steht
- de facto — tatsächlich, faktisch, im Gegensatz zur Rechtslage. Il porto è de facto chiuso da settimane.
- in primis — an erster Stelle, vor allem. Sehr häufig als Aufzählungsanfang.
- ad hoc — eigens dafür. Una commissione ad hoc. Achtung: im Italienischen fast nur positiv, im Sinne von passgenau.
- in extremis — im letzten Moment, gern im Sport: Il gol è arrivato in extremis.
- ex aequo — punktgleich, bei Preisen und Platzierungen.
- pro capite — pro Kopf, in jeder Wirtschaftsmeldung.
- una tantum — einmalig; ein Substantiv geworden: un’una tantum di trecento euro, eine Einmalzahlung.
- ad interim — kommissarisch, bei Ämtern.
Was im Amtstext steht
- de cuius — der Erblasser, im Erbrecht.
- pro tempore — der jeweils amtierende. Il sindaco pro tempore.
- ex lege — kraft Gesetzes, also automatisch, ohne Antrag.
- de iure — von Rechts wegen, das Gegenstück zu de facto.
- sine die — auf unbestimmte Zeit vertagt. Wer das in einem Bescheid liest, sollte hellhörig werden.
Was in Diskussion und Alltag vorkommt
- viceversa — umgekehrt. Völlig eingebürgert, kein gehobenes Register mehr.
- a priori und a posteriori — von vornherein und im Nachhinein, im Alltag ohne jede Philosophie: Non voglio giudicare a priori.
- in toto — zur Gänze.
- bis — noch einmal, im Konzert wie im Restaurant.
- idem — dasselbe, wenn jemand einer Aussage zustimmt.
- gratis und extra — so tief eingebürgert, dass niemand mehr an Latein denkt.
Die Aussprache, an der man Ausländer erkennt
Italiener sprechen Latein italienisch aus, nicht klassisch. Drei Regeln reichen:
- c vor e und i wird wie tsch gesprochen, nicht wie k: excelsior klingt entsprechend. Vor a, o, u bleibt es hart: ex cathedra, de cuius.
- ae wird zu einem einfachen e: ex aequo klingt wie ecs ekuo.
- Der Akzent folgt der italienischen Gewohnheit. Curriculum wird auf der zweiten Silbe betont, referendum auf der dritten.
Und ein Formhinweis: Diese Wörter bekommen im Italienischen keinen Plural. Es heißt due curriculum oder, italienisiert, due curricula — aber nie curriculums.
Wo Deutschsprachige danebengreifen
Der typische Fehler ist nicht, einen Latinismus falsch zu verstehen, sondern einen zu benutzen, den es in dieser Umgebung nicht gibt. Deutsche Texte lieben per se; im Italienischen schreibt man meist di per sé. Deutsche Juristen sagen de lege ferenda; italienische Zeitungen tun das praktisch nie.
Der zweite Fehler ist die Dosis. Ein Latinismus in einem Absatz wirkt gebildet, drei wirken wie eine Parodie auf einen Beamten. Italiener selbst spotten darüber mit dem Wort latinorum: aufgeblasenes Küchenlatein, das nur einschüchtern soll.
Kleine Probe
- Der Hafen ist faktisch seit Wochen geschlossen. · Eine eigens eingesetzte Kommission. · Das Tor fiel in letzter Minute. · Ich will nicht von vornherein urteilen.
Die Lösungen: Il porto è de facto chiuso da settimane. — Una commissione ad hoc. — Il gol è arrivato in extremis. — Non voglio giudicare a priori.
Was du mitnehmen solltest
Latinismen sind kein Zierrat, sondern Registermarker: Sie sagen, dass ein Text amtlich, journalistisch oder fachlich ist. Erkennen sollten Sie viele, benutzen nur die eingebürgerten — ad hoc, de facto, in primis, viceversa, pro capite. Sprechen Sie sie italienisch aus, nicht klassisch, und übertragen Sie keine deutschen Formeln, die es im Italienischen so nicht gibt.
Häufige Fragen
Warum gibt es im Italienischen so viele Latinismen?
Weil Italienisch aus dem gesprochenen Latein hervorgegangen ist und über Jahrhunderte zusätzlich aus dem geschriebenen Latein geschöpft hat. Viele Wörter existieren deshalb doppelt: einmal volkstümlich entwickelt, einmal direkt entlehnt, etwa fiaba neben favola.
Wie spricht man lateinische Wendungen im Italienischen aus?
Nicht wie im Lateinunterricht, sondern nach italienischen Regeln. Das c vor e und i wird tsch gesprochen, ae wird zu e. Aus a priori wird also ein italienisch klingendes a-pri-O-ri, und excursus klingt mit scharfem s.
Welche Latinismen sollte man aktiv benutzen?
Wenige und nur dort, wo sie üblich sind: ad hoc, de facto, in primis, viceversa, pro capite, in extremis. Wer sie häuft, wirkt gespreizt. Beim Lesen dagegen lohnt es sich, deutlich mehr davon zu erkennen.
Was ist der häufigste Fehler damit?
Die Übertragung aus dem Deutschen. In italienischen Texten stehen andere Formeln als in deutschen: statt eines deutschen per se schreibt man oft di per sé, und ein deutsches in dubio pro reo heißt juristisch zwar gleich, kommt in der Alltagspresse aber kaum vor.
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