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Italienische Umgangssprache: was im Lehrbuch fehlt

boh, magari, mica, dai, figurati, vabbè: die kleinen Wörter, die im gesprochenen Italienisch jeden zweiten Satz tragen — mit Registerhinweis, wo es derb wird.

6 Minuten Lesezeit

Man kann drei Jahre Italienisch lernen und in Neapel trotzdem nichts verstehen. Nicht weil die Grammatik fehlt, sondern weil die kleinen Wörter fehlen, die im gesprochenen Italienisch jeden zweiten Satz tragen. Sie stehen in keinem Kapitel, weil sie sich nicht sauber übersetzen lassen. Hier stehen sie.

Die zehn Wörter, die alles verändern

Boh — „keine Ahnung“, oft mit hochgezogenen Schultern. Das kompakteste Wort des Italienischen. Dov’è Marco? — Boh. Es ist nicht unhöflich, aber informell; im Bewerbungsgespräch sagt man es nicht.

Mah — Zweifel, Skepsis, Zögern. „Naja …“, „ich weiß nicht recht“. Mah, vedremo. Anders als boh drückt es nicht Unwissen aus, sondern Vorbehalt.

Magari — das vielleicht nützlichste Wort überhaupt, mit zwei getrennten Bedeutungen. Als Ausruf allein: „und ob!“, „das wäre schön!“ — Vieni con noi in Sicilia? — Magari! Im Satz mit Indikativ heißt es „vielleicht“: magari viene anche lui. Mit Congiuntivo drückt es einen irrealen Wunsch aus: magari fosse vero — „wenn es doch wahr wäre“.

Mica — verstärkte Verneinung mit einem Unterton von Überraschung oder Widerspruch. Non è mica facile heißt „das ist ja gar nicht einfach“. Umgangssprachlich steht es auch ohne non am Satzanfang: Mica male! — „gar nicht schlecht!“ Für Lernende ist mica der schnellste Weg, weniger nach Lehrbuch zu klingen.

Dai — wörtlich „gib“, tatsächlich ein Allzweckwort: „komm schon“, „los“, „nun mach“, „ach was“. Dai, andiamo! (los, gehen wir), Dai, non è vero! (ach komm, das stimmt doch nicht). Mit gedehntem Vokal wird daraus Ungeduld, kurz gesprochen Ermunterung.

Figurati (formell si figuri) — „keine Ursache“, „aber ich bitte dich“. Die häufigste Antwort auf grazie im Alltag, weit häufiger als prego unter Bekannten. Es kann auch ironisch heißen: „das kannst du dir ja denken“.

Mannaggia — „verflixt“, „Mist“. Ein Ärgerlaut, der nicht als Fluch gilt und in fast jeder Gesellschaft durchgeht. Erweiterungen wie mannaggia a te („zum Kuckuck mit dir“) sind schon deutlich schärfer.

Che palle — wörtlich „was für Eier“, gemeint: „wie nervig“. Das ist vulgär, aber sehr verbreitet, besonders unter jungen Leuten. Unter Freunden normal, im Büro riskant, gegenüber Fremden nicht. Die harmlose Variante ist che noia.

Vabbè (aus va bene) — „na gut“, „meinetwegen“, oft resigniert. Vabbè, facciamo così. In Rom hört man es alle zwei Minuten.

Cioè — „also“, „das heißt“. Im Lehrbuch ein Erklärungswort, im Gespräch ein Füllwort wie das deutsche „quasi“. Junge Sprecher setzen es an fast jeden Satzanfang.

Verstärker und Abschwächer

  • un casino / un sacco — „wahnsinnig viel“. Mi piace un casino (etwas derber), un sacco di gente (neutral, sehr häufig).
  • troppo als Verstärker statt „zu“: sei troppo simpatico heißt bei jungen Leuten „du bist total nett“, nicht „zu nett“.
  • tipo — „so ungefähr“, „irgendwie“. tipo alle otto = „so gegen acht“. Sehr jugendsprachlich.
  • praticamente — Füllwort, „im Grunde“.
  • -issimo an alles: bellissimo, buonissimo, tantissimo. Diese Steigerung ist im Gespräch die Norm, nicht die Ausnahme.
  • Verkleinerungen als Höflichkeitsform: un attimino („ein Momentchen“), un cafferino, due paroline. Sie machen eine Bitte weicher.

Begrüßen und verabschieden, wie es wirklich klingt

Ciao kennt jeder. Im Alltag hört man daneben ständig salve — ein neutraler Gruß zwischen ciao und buongiorno, ideal, wenn man nicht weiß, ob geduzt wird. In Läden und Bars ist buongiorno bis etwa zum Mittagessen üblich, danach buonasera; buon pomeriggio sagt fast niemand.

Beim Abschied wird es interessant. A dopo (bis später am selben Tag), a domani, a presto, ci vediamo, ci sentiamo (wenn man telefonieren oder schreiben wird). Und arrivederci ist formeller, als Lehrbücher nahelegen — unter Freunden klingt es steif.

Am Telefon meldet man sich mit pronto. Wörtlich „bereit“; es ist keine Frage und wird nur beim Abnehmen gesagt, nicht beim Anrufen.

Wendungen, die Lernende sofort brauchen

  • Ma dai! — „Ach was!“, ungläubig oder begeistert.
  • Non ci credo! — „das glaub ich nicht!“
  • Che ne so? — „was weiß ich?“
  • Ci sta — „passt schon“, „das geht klar“. Sehr modern, sehr häufig.
  • In bocca al lupo — „viel Glück“. Die richtige Antwort ist crepi (oder crepi il lupo), nicht grazie.
  • Meno male! — „zum Glück!“
  • Che ne dici? — „was meinst du?“
  • Fa niente — „macht nichts“.
  • Boh, vedremo — die italienische Art, ein Thema unentschieden zu lassen, ohne unhöflich zu sein.

Was mit der Grammatik im Gespräch passiert

Gesprochenes Italienisch weicht nicht nur im Wortschatz vom Lehrbuch ab, sondern auch im Bau. Vier Abweichungen sind so verbreitet, dass sie im Alltag die Norm sind.

Der Congiuntivo bröckelt. Nach penso che oder credo che steht im Gespräch häufig der Indikativ: penso che è vero statt sia vero. Das gilt schriftlich als Fehler, mündlich hört man es ständig, quer durch alle Bildungsschichten. Als Lernender solltest du den Congiuntivo trotzdem beherrschen — wer ihn kann, darf ihn weglassen; wer ihn nicht kann, wirkt einfach ungenau.

Der Passato remoto verschwindet — je nach Region. Im Norden erzählt man Vergangenes fast ausschließlich mit dem Passato prossimo. Im Süden ist der Passato remoto lebendige Umgangssprache. Ein Neapolitaner sagt andai, wo ein Mailänder sono andato sagt.

Herausstellung. Statt non mi piace questo film hört man questo film non mi piace proprio oder a me non piace — das Thema wandert nach vorn, das Pronomen wird verdoppelt. Diese Verdopplung (a me mi piace) gilt als falsch und wird trotzdem überall gesagt.

Verkürzte Fragen. Che fai? statt che cosa fai?, Come mai? statt einer vollständigen Warum-Frage. Kürzer ist im Gespräch fast immer richtiger.

Wo Umgangssprache riskant wird

Der häufigste Fehler von Lernenden ist nicht, zu wenig Umgangssprache zu benutzen, sondern zu viel und im falschen Register. Wer che palle beim ersten Treffen mit den Schwiegereltern sagt, hat ein Problem, das mit Grammatik nichts zu tun hat.

Eine brauchbare Faustregel: Alles, was in dieser Liste Körperteile, Religion oder Sexualität berührt, gehört zunächst in den passiven Wortschatz. Verstehen ja, benutzen erst, wenn du fünf Italiener es in derselben Situation hast sagen hören. Bei boh, magari, dai, figurati, meno male und vabbè kann dagegen praktisch nichts schiefgehen — die kannst du ab heute verwenden.

Der zweite Fehler ist die Herkunft. Vieles, was im Internet als „echtes Italienisch“ verkauft wird, ist römisch oder neapolitanisch gefärbt. Ein Deutscher, der in Mailand plötzlich römischen Slang benutzt, klingt nicht locker, sondern seltsam — ungefähr so wie ein Italiener, der in Hamburg bairisch spricht.

Was bleibt

Umgangssprache lernt man nicht aus Listen, sondern durch Hören: Serien im Original, Podcasts, echte Gespräche. Die Liste hier ist eine Abkürzung für den Anfang. Fang mit boh, magari, dai und figurati an — vier Wörter, die dein Italienisch sofort weniger nach Kurs klingen lassen. Und halte alles Derbe zunächst im passiven Bereich.

Häufige Fragen

Was heißt boh auf Italienisch?

„Keine Ahnung.“ Es ist ein Laut, keine Vokabel, und wird meist mit hochgezogenen Schultern gesagt. <span lang="it">Dov'è Marco? — Boh.</span> Es gilt als informell, aber nicht unhöflich; in einer förmlichen Situation sagt man stattdessen <span lang="it">non lo so</span>.

Was bedeutet magari?

Zwei Dinge. Allein als Ausruf heißt es „und ob!“ oder „das wäre schön!“. Im Satz mit Indikativ bedeutet es „vielleicht“, mit Congiuntivo drückt es einen irrealen Wunsch aus: <span lang="it">magari fosse vero</span> — „wenn es doch wahr wäre“.

Welche italienische Umgangssprache sollte ich als Anfänger meiden?

Alles, was Körperteile, Religion oder Sexualität berührt — also etwa <span lang="it">che palle</span> oder <span lang="it">un casino</span>. Verstehen ist nützlich, selbst sagen erst, wenn du es mehrfach in derselben Situation gehört hast. Unbedenklich sind dagegen <span lang="it">boh</span>, <span lang="it">magari</span>, <span lang="it">dai</span>, <span lang="it">figurati</span> und <span lang="it">meno male</span>.