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Italienische Regionen und ihre Eigenheiten

Zwanzig Regionen, fünf mit Sonderstatus, und ein kultureller Abstand zwischen Bozen und Palermo, der größer ist als der zwischen Hamburg und Rom.

6 Minuten Lesezeit

Italien ist als Staat jünger als viele seiner Regionen als kulturelle Einheiten. Die Einigung liegt erst in den 1860er Jahren, davor war die Halbinsel jahrhundertelang in Königreiche, Herzogtümer, Republiken und den Kirchenstaat zerlegt. Das erklärt fast alles, was Reisenden auffällt: die Küche, die Sprache, die Architektur und den Umstand, dass Italiener sich zuerst über ihre Stadt definieren und erst dann über das Land.

Zwanzig Regionen, fünf mit Sonderstatus

Italien hat zwanzig Regionen, die regioni. Fünf davon haben einen Sonderstatus mit erweiterten Kompetenzen, meist wegen sprachlicher Minderheiten oder ihrer Insellage: Sizilien, Sardinien, das Aostatal, Friaul-Julisch Venetien und Trentino-Südtirol. Die Regionen sind keine Verwaltungsattrappen — sie verantworten unter anderem das Gesundheitswesen, weshalb sich die medizinische Versorgung zwischen ihnen erheblich unterscheidet.

Der Norden

Lombardei mit Mailand ist das wirtschaftliche Zentrum: Finanzen, Mode, Industrie, das höchste Tempo des Landes und der geringste Anteil an Klischee-Italien. Piemont mit Turin ist ruhiger, mit französisch geprägter Küche, Trüffeln und den bedeutendsten Rotweinen des Nordens. Venetien reicht von Venedig über Verona bis in die Dolomiten und lebt vom Kontrast zwischen überlaufenen Städten und leeren Tälern. Emilia-Romagna ist die Küchenregion — dazu unten mehr — und die mit der besten Verwaltung.

Trentino-Südtirol ist der größte Kulturbruch des Landes. Südtirol kam erst 1919 zu Italien; die Mehrheit spricht Deutsch, Ortsnamen und Behörden sind zweisprachig, die Architektur ist alpin, die Küche kennt Knödel und Speck. Wer in Bozen aus dem Zug steigt und Italien erwartet, findet Mitteleuropa mit Espresso. Sprachlich ist die Region für Lernende die schlechteste Wahl des Landes, weil man mit Deutsch durchkommt.

Ligurien ist ein schmaler Küstenstreifen zwischen Bergen und Meer, mit Genua, den Cinque Terre und einer Küche, die von Kräutern lebt statt von Fleisch. Friaul-Julisch Venetien im Nordosten ist eine Grenzregion mit slowenischen und österreichischen Spuren; Triest war Hafen der Habsburger und sieht bis heute so aus.

Die Mitte

Toskana ist das Italien der Bildbände: Hügel, Zypressen, Renaissance, Florenz und Siena. Sprachlich die Wiege des Standarditalienischen. Umbrien ist die stillere, günstigere Variante derselben Landschaft, ohne Meer und ohne Massen. Die Marken sind noch weniger bekannt, haben aber Küste und Berge zugleich. Latium ist die Region um Rom, die vom Zentrum vollständig dominiert wird. Die Abruzzen sind gebirgig, dünn besiedelt und haben die größten Naturschutzgebiete des Landes.

Der Süden und die Inseln

Kampanien mit Neapel, dem Vesuv, Pompeji und der Amalfiküste ist dicht besiedelt, laut und kulinarisch eine eigene Welt — die Pizza kommt von hier. Das Neapolitanische ist keine Färbung, sondern eine eigene Sprache; wer Standarditalienisch kann, versteht im Gespräch unter Einheimischen wenig.

Apulien, der Absatz des Stiefels, hat Olivenhaine, die Trulli der Valle d’Itria, lange Küsten und ist in den letzten Jahren stark entdeckt worden. Basilikata und Kalabrien sind die ärmsten und am dünnsten besuchten Regionen mit spektakulären Landschaften und schwacher Infrastruktur. Molise ist so unbekannt, dass es dazu einen laufenden italienischen Witz gibt.

Sizilien ist eine eigene Welt: griechische Tempel, arabische Spuren in Küche und Sprache, normannische Kathedralen. Sardinien hat mit dem Sardischen eine eigene romanische Sprache und ein Landesinneres, das mit dem Küstentourismus nichts zu tun hat.

Was in Bozen anders ist als in Palermo

Der Abstand zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt Italiens beträgt rund 1.300 Kilometer, und der kulturelle Abstand ist größer als der zwischen Hamburg und Rom. Konkret:

  • Sprache. In Bozen ist Deutsch Amtssprache, in Palermo hört man Sizilianisch, das kein Standarditalienisch ist. Beides sind Extreme, aber sie zeigen die Spannweite.
  • Essenszeiten. Im Norden wird um 19.30 Uhr zu Abend gegessen, in Sizilien selten vor 21 Uhr.
  • Küche. Butter, Speck, Polenta und Reis im Norden; Olivenöl, Fisch, Auberginen, Zitrusfrüchte und Süßes mit Ricotta im Süden.
  • Rhythmus. Im Süden ist die Mittagspause lang und real; viele Läden schließen von etwa 13 bis 16.30 Uhr. Im Norden ist das die Ausnahme.
  • Wirtschaft. Der industrielle Norden hat Löhne und Preise auf mitteleuropäischem Niveau, der Süden deutlich niedrigere Einkommen und höhere Arbeitslosigkeit.

Die sprachliche Landkarte

Was Italiener dialetti nennen, sind sprachwissenschaftlich zum Teil eigene romanische Sprachen, die sich nicht aus dem Standarditalienischen entwickelt haben, sondern parallel dazu aus dem Latein. Neapolitanisch, Sizilianisch, Sardisch, Friaulisch, Venezianisch und Piemontesisch sind für einen Sprecher des Standards nicht ohne Weiteres verständlich.

Der Gebrauch hat stark abgenommen — Schule, Fernsehen und Mobilität haben das Standarditalienische durchgesetzt —, aber er ist nicht verschwunden. Im Süden und auf den Inseln hörst du Dialekt im Alltag häufiger, im Norden eher bei älteren Sprechern und auf dem Land. Für Lernende heißt das zweierlei: Sorge dich nicht, du wirst mit Standarditalienisch überall verstanden. Und wundere dich nicht, wenn du von einem Gespräch am Nebentisch fast nichts mitbekommst — das liegt dann oft nicht an deinem Niveau.

Der Campanilismo

Es gibt ein italienisches Wort für die Verbundenheit mit dem eigenen Ort: campanilismo, von campanile, dem Glockenturm. Gemeint ist die Loyalität zu allem, was man vom eigenen Kirchturm aus sieht — und die milde Geringschätzung für den Nachbarort. Es ist der Grund, warum Rivalitäten zwischen benachbarten Städten Jahrhunderte überdauern, warum jede Stadt ihre eigene Nudelform hat und warum die Frage nach der besten Zubereitung eines Gerichts in Italien nie neutral gestellt werden kann.

Praktisch heißt das für Reisende: Frag Leute nach ihrer Region, ihrer Stadt, ihrem Gericht. Es ist das dankbarste Gesprächsthema, das es gibt, und es öffnet Gespräche zuverlässiger als jedes andere.

Was das für Reisende praktisch heißt

Drei Konsequenzen. Erstens: Plan keine Rundreise, die in zehn Tagen Venedig, Florenz, Rom und Neapel abhakt — du siehst dann vier Innenstädte und keine Region. Zwei Regionen in zwei Wochen sind ergiebiger. Zweitens: Iss regional. Was ein Lokal in Ligurien gut kann, kann eines in Apulien nicht, und umgekehrt. Drittens: Erwarte unterschiedliche Rhythmen. Wer im Süden um 13.30 Uhr zur Post will, steht vor verschlossenen Türen, und wer im Norden um 21.30 Uhr essen gehen will, findet die Küche geschlossen.

Was bleibt

Es gibt kein „typisch italienisch“, das für alle zwanzig Regionen stimmt. Was es gibt, ist eine gemeinsame Sprache über sehr verschiedenen Traditionen. Wer das versteht, stellt bessere Fragen — und bekommt bessere Antworten, weil er nach dem fragt, worauf sein Gegenüber tatsächlich stolz ist.

Häufige Fragen

Wie viele Regionen hat Italien?

Zwanzig. Fünf davon haben einen Sonderstatus mit erweiterten Kompetenzen: Sizilien, Sardinien, das Aostatal, Friaul-Julisch Venetien und Trentino-Südtirol. Die Regionen verantworten unter anderem das Gesundheitswesen, weshalb sich die Versorgung zwischen ihnen deutlich unterscheidet.

Was ist campanilismo?

Die Verbundenheit mit dem eigenen Ort, abgeleitet von campanile, dem Glockenturm: Loyalität zu allem, was man vom eigenen Kirchturm sieht, und milde Geringschätzung für den Nachbarort. Sie erklärt jahrhundertealte Stadtrivalitäten und die Ernsthaftigkeit von Debatten über Rezepte.

Spricht man in Südtirol Italienisch?

Beides. Südtirol kam 1919 zu Italien, die Mehrheit der Bevölkerung ist deutschsprachig, Ortsnamen und Behörden sind zweisprachig. Zum Italienischlernen ist die Region deshalb die ungünstigste des Landes, weil man mit Deutsch durchkommt.