Zum Inhalt springen

Italienisch oder Spanisch lernen? Ein ehrlicher Vergleich

Reichweite, Schwierigkeit, Material, Berufsnutzen: der Vergleich zwischen Italienisch und Spanisch Punkt für Punkt — und warum man beide nicht gleichzeitig anfangen sollte.

6 Minuten Lesezeit

Die Frage lässt sich nicht mit „die schönere Sprache“ beantworten, aber mit klaren Kriterien: Was ist leichter, was bringt mehr Sprecher, wo ist mehr Material, und wozu willst du es benutzen. Hier steht der Vergleich Punkt für Punkt — mit einer Empfehlung am Ende, die je nach Ziel unterschiedlich ausfällt.

Reichweite: klarer Vorsprung für Spanisch

Spanisch ist Amtssprache in rund zwanzig Staaten und steht bei den Muttersprachlerzahlen weltweit weit oben — Größenordnung mehrere hundert Millionen. Italienisch liegt als Muttersprache bei etwa 65 Millionen, konzentriert auf Italien und die Schweiz.

Wenn deine Frage lautet „mit welcher Sprache kann ich mit mehr Menschen reden“, ist der Vergleich damit entschieden. Auch beruflich: Spanisch ist als Zusatzqualifikation breiter verwertbar, vor allem in Handel, Entwicklungszusammenarbeit und in Unternehmen mit Lateinamerikageschäft. Italienisch ist beruflich enger, aber in bestimmten Branchen sehr wertvoll — Maschinenbau, Mode, Design, Lebensmittel, Tourismus, Kunstgeschichte, Restaurierung, Musik.

Schwierigkeit: fast gleich, mit anderen Hürden

Beide Sprachen gelten für Deutschsprachige als vergleichsweise leicht und stehen in der gleichen Einstufungskategorie. Die Unterschiede liegen im Detail.

Aussprache: Italienisch ist etwas leichter für Deutschsprachige, weil es keine Laute enthält, die uns fremd sind. Spanisch hat das j und in Spanien das z und weiche c, beides gewöhnungsbedürftig. Dafür ist die italienische Doppelkonsonanz eine echte Hürde, die Deutsche systematisch unterschätzen: nono und nonno sind zwei verschiedene Wörter, und die Länge muss man tatsächlich sprechen.

Rechtschreibung: Beide sind lautgetreu. Spanisch hat die klareren Regeln, Italienisch die kleinere Zahl an Sonderzeichen.

Grammatik: Weitgehend parallel — beide haben zwei Vergangenheiten, Subjunktiv beziehungsweise Congiuntivo, zwei Verben für „sein“. Italienisch hat zwei Hilfsverben in der Vergangenheit (essere und avere) und die Angleichung des Partizips, was Spanisch einfacher löst. Spanisch hat dafür mehr Zeitformen im aktiven Gebrauch und die Unterscheidung ser/estar, die im Italienischen mit essere/stare weniger folgenreich ist.

Pronomen: Hier ist Italienisch schwerer. Die kombinierten Pronomen (glielo, me lo, ce ne) und die Partikeln ci und ne haben im Spanischen keine direkte Entsprechung und sind für Lernende eine der zähesten Stellen.

Unterm Strich: Die ersten Monate fühlen sich in Italienisch etwas leichter an, das Mittelfeld ist in Spanisch etwas leichter. Der Unterschied ist klein genug, um kein Entscheidungskriterium zu sein.

Material und Kurse

Für Spanisch gibt es mehr von allem: mehr Lehrwerke, mehr Apps, mehr Kurse an Volkshochschulen, mehr Tandempartner, mehr Serien. Für Italienisch ist das Angebot kleiner, aber gut — deutschsprachige Lehrwerke sind reichlich vorhanden, italienische Filme und Serien ebenso, und der Zugang zu Muttersprachlern ist im deutschsprachigen Raum durch die große italienische Gemeinde einfach.

Ein praktischer Punkt: Wer Spanisch lernt, muss sich früh entscheiden, ob europäisches oder lateinamerikanisches Spanisch. Aussprache, Anrede (vosotros gegen ustedes), Wortschatz und teils die Zeitformen unterscheiden sich. Bei Italienisch gibt es diese Entscheidung nicht — der Standard ist einer.

Wie ähnlich sind sich die beiden Sprachen?

Sehr. Der gemeinsame Wortschatzanteil ist hoch, weil beide direkt aus dem Vulgärlatein stammen. Viele Wörter unterscheiden sich nur in der Endung: libro und libro, tempo und tiempo, notte und noche, latte und leche. Wer die Lautentsprechungen kennt — italienisch -tt- gegen spanisch -ch-, italienisch pi- gegen spanisch ll- wie in pioggia und lluvia —, erschließt Hunderte Wörter.

Genau darin liegt aber auch die Falle. Es gibt eine große Zahl falscher Freunde zwischen den beiden: burro ist auf Italienisch Butter, auf Spanisch der Esel; salire heißt auf Italienisch hinaufgehen, auf Spanisch hinausgehen; imbarazzata heißt verlegen, das spanische embarazada dagegen schwanger. Wer beide Sprachen halb kann, produziert genau diese Verwechslungen.

Kann man beide lernen?

Ja, aber nicht gleichzeitig von null an. Die Sprachen sind sich so ähnlich, dass sich Wortschatz und Formen gegenseitig überlagern. Der Effekt ist real und ärgerlich: Man produziert Mischformen und weiß nicht mehr, ob nada oder niente in welche Sprache gehört.

Die brauchbare Reihenfolge: Erst eine Sprache stabil auf B1 bringen, dann die zweite anfangen. Ab B1 ist das Fundament fest genug, dass die zweite Sprache profitiert statt zu stören — und der Fortschritt in der zweiten ist dann erheblich schneller, weil Grammatikkonzepte und ein großer Teil des Wortschatzes übertragbar sind.

Nebenbei: Passiv verstehen sich Italiener und Spanier in Grundzügen. Wer eine der beiden Sprachen kann, liest die andere zu einem guten Teil mit — gesprochen funktioniert das deutlich schlechter.

Prüfungen und Zertifikate

Wer einen Nachweis braucht, sollte den Unterschied kennen. Für Spanisch ist das DELE des Instituto Cervantes der Standard, daneben gibt es das SIELE. Für Italienisch stehen mehrere Systeme nebeneinander: CILS von der Universität für Ausländer in Siena, CELI von der Universität Perugia, PLIDA von der Società Dante Alighieri und die CERT.IT der Universität Rom Drei. Alle sind an den Europäischen Referenzrahmen gekoppelt und in Italien anerkannt.

Praktisch heißt das: Für Spanisch ist die Entscheidung einfacher, für Italienisch musst du prüfen, welches Zertifikat die Stelle verlangt, für die du es brauchst — bei Universitätszulassungen in Italien ist das oft ausdrücklich geregelt. Die Prüfungsgebühren liegen bei beiden Sprachen je nach Niveau meist im Bereich von etwa 100 bis 250 Euro.

Die Entscheidungshilfe

Nimm Spanisch, wenn du möglichst viele Sprecher erreichen willst, beruflich Breite brauchst, Lateinamerika bereisen willst oder eine Sprache suchst, die dein Kind später gut gebrauchen kann.

Nimm Italienisch, wenn du regelmäßig in Italien bist oder dorthin ziehen willst, wenn dich italienische Kultur, Kunst, Küche, Oper oder Geschichte interessieren, wenn du in einer der genannten Branchen arbeitest, oder wenn du eine italienische Familie, Partnerin oder Freunde hast.

Und der ehrlichste Punkt zum Schluss: Der stärkste Prädiktor für Erfolg ist nicht die Sprache, sondern ob du sie benutzen wirst. Wer zweimal im Jahr in Italien ist und einmal alle fünf Jahre in Spanien, sollte Italienisch lernen, auch wenn Spanisch objektiv nützlicher wäre. Nutzung schlägt Reichweite, weil eine Sprache, die man nicht anwendet, wieder verschwindet.

Was bleibt

Spanisch gewinnt bei Reichweite und Berufsbreite, Italienisch bei Aussprache und beim Einstieg. Der Schwierigkeitsunterschied ist zu klein, um zu entscheiden. Was entscheidet, ist der eigene Anlass: Wer Italien im Leben hat, lernt Italienisch; wer die Welt meint, lernt Spanisch. Beide gleichzeitig von null an ist die einzige wirklich schlechte Option.

Häufige Fragen

Ist Italienisch oder Spanisch leichter zu lernen?

Beide gelten für Deutschsprachige als vergleichsweise leicht. Italienisch ist in der Aussprache etwas zugänglicher, hat aber mit den Doppelkonsonanten und den kombinierten Pronomen wie <span lang="it">glielo</span> zwei zähe Stellen. Spanisch ist im Mittelfeld etwas glatter. Der Unterschied ist zu klein, um die Entscheidung zu tragen.

Kann ich Italienisch und Spanisch gleichzeitig lernen?

Von null an besser nicht — die Sprachen ähneln sich so stark, dass sich Wortschatz und Formen überlagern und man Mischformen produziert. Bring erst eine Sprache stabil auf B1, dann geht die zweite deutlich schneller, weil Grammatik und ein großer Teil des Wortschatzes übertragbar sind.

Welche Sprache bringt beruflich mehr?

In der Breite Spanisch, wegen der Zahl der Länder und Sprecher. Italienisch ist enger, aber in bestimmten Branchen sehr wertvoll: Maschinenbau, Mode, Design, Lebensmittel, Tourismus, Kunstgeschichte, Restaurierung und Musik. Wer in einem dieser Felder arbeitet, hat mit Italienisch den größeren Vorteil.