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Woher das Italienische kommt: eine kurze Geschichte der italienischen Sprache

Vom Vulgärlatein über Dante bis zum Fernsehen der RAI: wie das Italienische entstand, warum ausgerechnet Toskanisch gewann und weshalb 1861 kaum jemand es sprach.

6 Minuten Lesezeit

Italienisch ist keine Fortsetzung des Lateins, das Cicero schrieb, sondern des Lateins, das auf der Straße gesprochen wurde. Und es ist eine der wenigen europäischen Nationalsprachen, die zuerst als Literatursprache existierte und erst danach von der Bevölkerung übernommen wurde — mit einer Verzögerung von rund sechshundert Jahren. Hier steht der Weg in sechs Schritten.

1. Vom Latein zum Volgare

Das klassische Latein der Literatur und das gesprochene Latein liefen schon in der Kaiserzeit auseinander. Das gesprochene Latein — oft Vulgärlatein genannt, von vulgus, „das Volk“ — vereinfachte die Formen: Die Kasusendungen verschwanden zugunsten von Präpositionen, das Neutrum fiel weg, aus ille und illa wurden Artikel, aus habeo plus Partizip die zusammengesetzte Vergangenheit.

Nach dem Ende des Weströmischen Reichs 476 zerfiel der Zusammenhalt vollends. Ohne zentrale Verwaltung und ohne Schulwesen entwickelte sich jede Region eigenständig weiter. Aus einem gesprochenen Latein wurden die romanischen Sprachen — und innerhalb Italiens Dutzende voneinander abweichende Varietäten, die volgari.

2. Die ersten italienischen Zeugnisse

Als ältestes Zeugnis eines italienischen volgare gelten die sogenannten Placiti Cassinesi aus dem Jahr 960, Zeugenaussagen in einem Rechtsstreit um Klosterbesitz in Kampanien. Der Satz ist kurz, aber unverkennbar nicht mehr Latein. Ein etwas früherer Text, das Veroneser Rätsel, steht sprachlich noch dazwischen.

Wichtig ist die Situation dahinter: Geschrieben wurde weiterhin Latein. Das volgare tauchte nur dort auf, wo Laien zu Wort kamen — vor Gericht, in Verträgen, später in geistlicher Dichtung.

3. Das 13. und 14. Jahrhundert: Toskanisch setzt sich durch

Im 13. Jahrhundert entstand am Hof Friedrichs II. in Sizilien die erste namhafte Dichterschule in einer Volkssprache. Ihre Wirkung war groß, ihr Sizilianisch aber wurde bei der Abschrift toskanisiert — die Texte kamen in toskanischer Form in Umlauf.

Entscheidend wurden dann drei Florentiner. Dante Alighieri schrieb seine Commedia um 1300 nicht auf Latein, sondern in florentinischem Volgare, und begründete in seiner Schrift De vulgari eloquentia — auf Latein — theoretisch, warum eine Volkssprache literaturfähig ist. Petrarca lieferte mit seiner Lyrik das Vorbild für die Dichtungssprache, Boccaccio mit dem Decameron das für die Prosa.

Warum ausgerechnet Toskanisch? Drei Gründe wirkten zusammen: das literarische Prestige dieser drei Autoren, die wirtschaftliche Macht von Florenz als Bankenzentrum, und die Tatsache, dass das Toskanische dem Latein strukturell näher stand als etwa das Lombardische — es war für Gebildete aus anderen Regionen leichter zu lesen.

4. Die Sprachfrage

Im 16. Jahrhundert wurde daraus eine ausdrückliche Debatte, die questione della lingua: Welche Sprache soll die gemeinsame Literatursprache Italiens sein? Pietro Bembo setzte sich mit der Position durch, man solle sich am Toskanischen des 14. Jahrhunderts orientieren — also an Petrarca und Boccaccio, nicht am gesprochenen Florentinisch seiner Zeit. Das war eine bewusste Entscheidung für eine archaische Norm.

1612 erschien das erste Wörterbuch der Accademia della Crusca in Florenz, das diese Norm festschrieb. Ergebnis: Italienisch existierte als hochentwickelte Schriftsprache, die kaum jemand sprach. Alessandro Manzoni überarbeitete im 19. Jahrhundert seinen Roman I promessi sposi eigens, um ihn dem lebendigen Florentinisch anzunähern — ein bewusster Versuch, die Schriftsprache wieder mit einer gesprochenen zu verbinden.

5. 1861: ein Staat, aber keine gemeinsame Sprache

Bei der Einigung Italiens sprach nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung Italienisch; die Schätzungen der Forschung liegen weit auseinander, von wenigen Prozent bis etwa einem Zehntel, je nachdem, wie man „sprechen können“ definiert. Sicher ist: Die große Mehrheit sprach ausschließlich ihren lokalen Dialekt. Der berühmte Satz, man habe Italien gemacht und müsse nun die Italiener machen, beschreibt genau dieses Problem.

Drei Kräfte veränderten das im folgenden Jahrhundert: die allgemeine Schulpflicht, die Wehrpflicht, die Männer aus ganz Italien in dieselben Kasernen brachte, und die Binnenmigration vom Süden in die Industriestädte des Nordens. In allen drei Fällen brauchte man eine gemeinsame Sprache, und das war Italienisch.

6. Das Fernsehen als Vereinheitlicher

Der größte einzelne Schub kam 1954 mit dem Start des Fernsehens der RAI. Zum ersten Mal hörten Menschen in Sizilien und im Piemont täglich dieselbe gesprochene Sprache. Besonders wirksam war die Sendung Non è mai troppo tardi, ein Fernsehkurs für Erwachsene ohne Schulabschluss, der von 1960 an lief und Lesen, Schreiben und Italienisch vermittelte.

Innerhalb einer Generation wurde Italienisch von einer Schriftsprache zur Umgangssprache der Mehrheit. Das ist ein außergewöhnlich später und außergewöhnlich schneller Vorgang — in Deutschland und Frankreich lief die entsprechende Entwicklung über Jahrhunderte.

Was aus dem Latein wurde: fünf konkrete Veränderungen

Wer die Entwicklung an Beispielen sehen will, findet sie an fünf Stellen besonders deutlich.

  • Die Artikel. Latein hatte keine. Aus dem Demonstrativpronomen ille wurden il, lo, la, aus unus der unbestimmte Artikel un.
  • Die Fälle. Die lateinischen Endungen verschwanden; ihre Aufgabe übernahmen Präpositionen. Aus domino wurde al signore.
  • Die Vergangenheit. Die neue zusammengesetzte Form aus habere plus Partizip wurde zum Passato prossimo, während die alte einfache Form als Passato remoto überlebte — und heute regional verteilt ist.
  • Das Futur. Das lateinische Futur ging verloren. Die heutige Form entstand aus Infinitiv plus habere: cantare habeo wurde zu canterò. Deshalb enden alle Futurformen auf die Endungen von avere.
  • Die Wortstellung. Latein war in der Reihenfolge frei, weil die Endungen die Rollen anzeigten. Ohne Endungen musste die Stellung sie übernehmen — Subjekt, Verb, Objekt.

Diese fünf Punkte erklären zusammengenommen, warum Italienisch für Deutschsprachige lesbar wirkt, obwohl der Wortschatz fremd ist: Die Satzlogik ist der unseren ähnlicher als die des Lateins.

Was davon im heutigen Italienisch steckt

Die Geschichte erklärt drei Eigenheiten, über die Lernende stolpern. Erstens die Nähe zur Schriftsprache: Italienisch wird weitgehend so geschrieben, wie es gesprochen wird, weil die Norm aus einem geschriebenen Toskanisch stammt und nachträglich gesprochen wurde. Zweitens die literarischen Formen, die im Alltag überleben — der Passato remoto etwa gehört im Norden ins Buch, im Süden ins Gespräch. Drittens die Dialekte: Sie sind nicht Abweichungen vom Italienischen, sondern eigenständige Schwesternsprachen mit derselben lateinischen Wurzel. Wer das versteht, versteht auch, warum ein Neapolitaner sagt, er spreche zwei Sprachen — und damit recht hat.

Was bleibt

Italienisch stammt vom gesprochenen Latein ab, wurde durch drei Florentiner Autoren des 14. Jahrhunderts zur Literatursprache, blieb dann jahrhundertelang eine Schriftsprache ohne Sprecher und wurde erst durch Schule, Militärdienst, Migration und vor allem das Fernsehen zur Alltagssprache. Diese ungewöhnliche Reihenfolge ist der Grund für fast alles, was am Italienischen heute besonders ist — von der lautgetreuen Schreibung bis zum lebendigen Nebeneinander von Standardsprache und Dialekt.

Häufige Fragen

Warum ist Italienisch aus dem Toskanischen entstanden?

Drei Gründe wirkten zusammen: das literarische Prestige von Dante, Petrarca und Boccaccio, die wirtschaftliche Macht von Florenz als Bankenzentrum, und die strukturelle Nähe des Toskanischen zum Latein, die es für Gebildete anderer Regionen leichter lesbar machte.

Wie viele Italiener sprachen 1861 Italienisch?

Nur eine Minderheit. Die Schätzungen der Forschung gehen weit auseinander — von wenigen Prozent bis etwa einem Zehntel, je nach Definition von „sprechen können“. Die große Mehrheit sprach ausschließlich den lokalen Dialekt; Italienisch war zu diesem Zeitpunkt vor allem eine Schriftsprache.

Welche Rolle spielte das Fernsehen für die italienische Sprache?

Eine sehr große. Mit dem Sendestart der RAI 1954 hörten Menschen in ganz Italien erstmals täglich dieselbe gesprochene Sprache. Der Fernsehkurs <em>Non è mai troppo tardi</em> vermittelte ab 1960 Erwachsenen ohne Schulabschluss Lesen, Schreiben und Italienisch. Innerhalb einer Generation wurde aus der Schriftsprache eine Umgangssprache.