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Deutsche Wörter im Italienischen

Von guerra und bianco bis Würstel und Zeitgeist: welche deutschen Wörter im Italienischen stecken, warum es so wenige sind und was Südtirol daraus macht.

6 Minuten Lesezeit

Der Austausch läuft überwiegend in eine Richtung: Das Deutsche hat weit mehr aus dem Italienischen übernommen als umgekehrt. Trotzdem gibt es deutsche Wörter im Italienischen — teils sehr alte aus der Langobardenzeit, teils sehr neue aus Wirtschaft und Politik. Und in Südtirol eine ganze Sondersituation.

Die alte Schicht: Langobarden und Goten

Die spannendste Gruppe ist die unsichtbare. Nach dem Ende des Weströmischen Reichs herrschten germanische Gruppen über Teile Italiens, am längsten die Langobarden (568 bis 774). Aus ihrer Sprache stammen italienische Alltagswörter, die niemand für germanisch hält:

  • la guerra — Krieg, verwandt mit „Wirren“ und altem werra. Die romanischen Sprachen ersetzten damit das lateinische bellum.
  • la guancia — Wange.
  • il guanto — Handschuh, zu „Want“.
  • bianco — weiß, zu „blank“. Das lateinische albus hat sich nur in Resten gehalten.
  • la panca und il banco — Bank, aus germanisch bank. Das Wort ging später als banca ins Deutsche zurück: erst Export, dann Reimport.
  • la scherma — Fechten, zu „Schirm“; schernire — verspotten.
  • il balcone — zu „Balken“. Auch dieses Wort kam als Balkon zu uns zurück.
  • la zolla, la stamberga, il gruppo (zu „Kropf“, über das Kunstvokabular), rubare (rauben), graffiare (kratzen).

Auffällig ist das anlautende gu-: Wo im Germanischen ein W stand, steht im Italienischen oft guguerra, guardare, guardia, guadagnare, guanto, guado. Das ist ein zuverlässiges Erkennungszeichen für germanische Herkunft.

Die neue Schicht: Fachwörter

Moderne Germanismen im Italienischen sind Fachwörter, meist unverändert übernommen und meist im gehobenen Register:

  • il würstel — das Wiener Würstchen, in ganz Italien geläufig, mit italienischem Plural i würstel.
  • i crauti — Sauerkraut, eingedeutscht bis zur Unkenntlichkeit.
  • lo strudel, il kaiserschmarren, lo speck — Küche aus dem Alpenraum.
  • il leitmotiv, il diktat, il kitsch, l’ersatz, il lied — Kultur und Politik.
  • lo zeitgeist, la weltanschauung, la gestalt — Philosophie und Psychologie.
  • il bunker, il blitz (im Italienischen auch: Razzia, Blitzaktion), il kaputt als umgangssprachliches Adjektiv.
  • il vermut (Wermut), il quarzo, il nichel, il cobalto, il feldspato — Mineralogie und Bergbau, ein Bereich mit langer deutscher Fachtradition.

Kurios ist il mordente im Sinn von Biss und fare il pieno — nein, das ist italienisch. Kurios ist eher, dass il camping, il computer und lo smartphone englisch sind: Der moderne Import kommt fast vollständig aus dem Englischen, nicht aus dem Deutschen.

Was die Langobarden hinterlassen haben — und was nicht

Die germanische Schicht im Italienischen ist zahlenmäßig überschaubar, aber sie sitzt an interessanten Stellen. Sie betrifft fast ausschließlich Bereiche, in denen die Eroberer die Ordnung setzten: Krieg, Recht, Verwaltung des Landbesitzes, Handwerk, Körperbezeichnungen des Alltags.

Aus dem Rechts- und Herrschaftsbereich stammen il bando (die Ausschreibung, ursprünglich die öffentliche Bekanntmachung, verwandt mit „Bann“), il guidrigildo (das Wergeld, heute nur noch historisch), la faida (die Fehde) und l’arimanno als Bezeichnung des freien langobardischen Kriegers. Aus dem Handwerk kommen il ciuffo (Schopf), la stanga (Stange), lo scaffale in seiner Vorgeschichte und il fiasco, die umflochtene Flasche, die als „Fiasko“ wieder ins Deutsche zurückkehrte.

Was die Langobarden dagegen nicht hinterließen, ist Grammatik. Die Struktur des Italienischen ist durch und durch romanisch: Artikel aus lateinischen Demonstrativpronomen, Verbformen aus dem Vulgärlatein, Wortstellung romanisch. Anders als im Englischen, wo die skandinavische Berührung sogar Pronomen veränderte, blieb der germanische Einfluss auf Italienisch rein lexikalisch. Für Lernende heißt das: Die deutschen Wörter im Italienischen sind Einzelfälle, keine Brücke zwischen den Systemen.

Die Wörter, die zweimal gewandert sind

Eine kleine, aber charmante Gruppe hat den Weg hin und zurück gemacht. Banco kam als germanisches Wort nach Italien, wurde dort zum Tisch des Geldwechslers und kehrte als „Bank“ ins Deutsche zurück. Balcone geht auf „Balken“ zurück und kam als „Balkon“ wieder — über das Französische. Il gruppo hängt mit „Kropf“ zusammen, wurde in der italienischen Kunstsprache zur Figurengruppe und kam als „Gruppe“ zurück. Auch la guardia (zu „warten“ im alten Sinn von behüten) ist über das Französische als „Garde“ heimgekehrt.

Solche Rundreisen sind nicht Zufall, sondern typisch: Ein Wort wird exportiert, in der Fremdsprache spezialisiert und dann als Fachbegriff reimportiert. Man erkennt sie daran, dass die zurückgekehrte Form enger ist als das ursprüngliche Wort.

Südtirol: der Sonderfall

In Südtirol ist Deutsch eine der Amtssprachen, und das italienische Amtsvokabular der Provinz ist von deutschen Begriffen durchsetzt — teils als Lehnübersetzung, teils direkt. Umgekehrt hat das Südtiroler Deutsch massiv Italienisch aufgenommen: Ein Südtiroler spricht von der Targa (Kennzeichen), der Patente (Führerschein), dem Kondominium und dem Bar. Wer als Deutschsprachiger in Bozen Italienisch lernt, erlebt eine Mischform, die es sonst nirgends gibt.

Für Lernende ist das relevant, weil Südtirol als Sprachreiseziel oft empfohlen wird: Man kommt sprachlich weich hinein, spricht aber weniger Italienisch, als man glaubt, weil die andere Seite Deutsch kann.

Warum es so wenige sind

Die Asymmetrie hat einen einfachen Grund. Sprachen entlehnen dort, wo sie Prestige oder Neuheit importieren. Italien war für Europa jahrhundertelang der Ort, an dem Handel, Kunst, Musik und Küche neu erfunden wurden — dieses Vokabular wanderte nach außen. Deutschland exportierte in die romanische Welt vor allem Fachterminologie: Chemie, Bergbau, Philosophie, Psychologie, Militär. Das sind schmale, spezialisierte Bereiche mit wenigen Wörtern.

Ein dritter Grund ist politisch. Die Zeit intensivster deutsch-italienischer Berührung im zwanzigsten Jahrhundert war zugleich die Zeit, in der beide Staaten Sprachreinigung betrieben: Der italienische Faschismus verfolgte eine ausdrückliche Fremdwortpolitik und ersetzte Entlehnungen durch italienische Neubildungen. Was in dieser Phase hätte eingebürgert werden können, wurde aktiv verhindert.

Hinzu kommt: Seit etwa 1950 füllt Englisch die Rolle der Prestigesprache. Neue Italianismen im Deutschen entstehen weiter (Aperitivo, Spritz), neue Germanismen im Italienischen praktisch nicht mehr.

Was bleibt

Deutsche Wörter im Italienischen kommen aus zwei Zeiten: der langobardischen Frühzeit, aus der Alltagswörter wie guerra, bianco und guanto stammen, und dem Fachvokabular der Neuzeit. Für Lernende ist vor allem die gu-Regel nützlich — sie zeigt, wo ein germanisches Wort unter romanischer Oberfläche steckt. Und sie erklärt nebenbei, warum banca ein deutsches Wort ist, das wir uns zurückgeholt haben.

Häufige Fragen

Welche deutschen Wörter benutzt man im Italienischen täglich?

Ohne es zu merken sehr viele alte: <span lang="it">guerra</span> (Krieg), <span lang="it">bianco</span> (weiß), <span lang="it">guanto</span> (Handschuh), <span lang="it">banco</span> (Bank) stammen aus germanischen Sprachen. Bewusst wahrgenommen werden vor allem <span lang="it">würstel</span>, <span lang="it">crauti</span>, <span lang="it">strudel</span> und <span lang="it">kitsch</span>.

Woran erkenne ich germanische Wörter im Italienischen?

Am anlautenden <em>gu-</em>. Wo das Germanische ein W hatte, steht im Italienischen oft <em>gu</em>: <span lang="it">guerra</span>, <span lang="it">guardare</span>, <span lang="it">guardia</span>, <span lang="it">guadagnare</span>, <span lang="it">guanto</span>. Das ist kein perfektes Kriterium, aber ein sehr brauchbarer Hinweis.

Spricht man in Südtirol Italienisch oder Deutsch?

Beides, mit regionalen Unterschieden. Deutsch überwiegt im ländlichen Raum, Italienisch in Bozen. Wer dort Italienisch üben will, sollte wissen, dass das Gegenüber meist Deutsch kann und im Zweifel darauf wechselt — zum Üben ist eine Stadt südlich davon oft ergiebiger.